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Ich schenke mir Blumen

Ich schenke mir Blumen

Ich liebe den Prozess des Bestickens. Alle Teile davon: eine Idee zu haben, ihre Umsetzung zu planen, alles vorzubereiten und dann anzufangen. Ab diesem Moment geht es vor allem um Wiederholung und Zeit.

Und Zeit empfinde ich als das wertvollste Gut. Sie kann man nicht fangen, kaufen, stoppen oder nachholen. Und genau deswegen ist Zeit das größte Geschenk, das ich mir machen kann – die größte Liebeserklärung.

Es ist etwas sehr Besonderes, mir die Zeit zu gönnen, eine Bluse per Hand zu besticken. Eine handbestickte Bluse könnte ich mir gekauft nie leisten. Aber ich kann sie mir selber machen. Mit mir und für mich diese Zeit zu verbringen heißt, dass ich es wert bin. Und so setze ich mich über zwei Monate immer wieder hin und besticke weiter. Nicht weil ich es muss, sondern weil ich es darf.

Die Leinwand

Ich habe die rote Bluse genäht, um ein Schnittmuster für ein zu Kleid testen. Dafür nutzte ich eine hochwertige gewebte Bio-Baumwolle. Auch wenn es eine Probe war, habe ich sie von Anfang an liebevoll behandelt. Und auch wenn ich zu Hause viele okaye Knöpfe hatte, gönnte ich mir neue, extra für meine Bluse ausgesuchte, wunderschöne runde Knöpfe.

Ich muss mich immer wieder selber erinnern, aber ich werde darin immer besser: Jedes Kleidungsstück ist ein wertvolles Unikat. Es braucht Liebe, Ressourcen und Zeit und sollte nicht einfach so gemacht werden, ohne die Absicht, es zu tragen und es zu schätzen. Ich nähe mir keine Kleidung mehr, bei der ich von Anfang an weiß, dass ich sie nicht trage werde. Deswegen nutze ich in letzter Zeit entweder richtig kaputte, alte Bettwäsche für Proben oder wenn das Risiko niedriger ist, nähe ich mit einem guten Stoff.

Und so ist diese Bluse entstanden. Gleich, als ich sie fertig genäht hatte, sah ich darauf eine einladende Leinwand: einfacher Schnitt, Stoff leicht aber stabil, schön gewebt. Also wurde sie bestickt.

Mit Garn malen

Diese war meine dritte selbst bestickte Bluse. Bei den ersten zwei habe ich unterschiedliche Herangehensweisen genutzt. Das erste Mal habe ich grob ein Motiv auf Papier skizziert, und es dann nur sehr grob freihand auf den Stoff übertragen. Das genaue Motiv hab ich erst nach und nach entwickelt, direkt auf der Bluse. Das zweite Mal habe ich vorher das Motiv entwickelt und dieses genau so auf den Stoff übertragen. Davon gibt es übrigens ein Video hier.

Jetzt hatte ich wieder Lust auf Freihand. Das Motiv erst auf dem Stoff genau zu definieren, ist ein bisschen wie ein Spiel, und auch wenn ich mich vorbereite, ist das Ergebnis immer eine kleine Überraschung. Darauf hatte ich Lust.

Also würde ich wieder ein grobes Motiv entwerfen und dann einfach direkt auf dem Stoff dem Ganzen eine Form bekommen lassen.

Ich entschied mich für Blumen.

Was kann für eine Liebeserklärung wohl romantischer sein als Blumen? Blumen am Halsausschnitt. Ich holte mir Inspiration von meinen Stick-Proben und wählte zwei Blumen-Arten: eine mit Plattstich und Knötchen und die andere, wofür ich keinen wirklichen Namen habe, ich will sie hier Stern-Rosen nennen. Die Farben wollte ich schlicht halten und so überlegte ich, bei Rot und Grün zu bleiben. Rote Blumen und grüne Blätter. Ein paar hellere Rot-Töne und verschiedene Grüns holte ich mir im Laden und nahm alles mit in den Urlaub.

Gleich am ersten freien Vormittag zeichnete ich eine Skizze in mein Notizbuch. Ich mag es, einen Plan zu haben – einen Ausgangspunkt. Mit meiner Skizze wollte ich keine strengen Regeln sondern einige Orientierungspunkte:

Ich wünsche mir ein Blumen-Motiv: nicht symmetrisch, aber schön ausgeglichen;

  • Gestickt wird um den Halsausschnitt. Genau welchen Bereich habe ich mithilfe der Knöpfe auf der Skizze markiert. Also bis kurz vor den dritten Knopf sollte die Bluse bestickt werden;
  • Ich werde zwei Blumen nutzen. Eine Sorte wird als Hauptmotiv größer gestickt und die andere, kleinere soll den Blumenstrauß ergänzen. Das war der Plan, am Ende habe ich noch kleine Margeriten dazu gestickt.
  • Rot und Grün werden die Hauptfarben. Davon nutze ich mehrere Töne. Da das Motiv detailliert ist und die Bluse allein Rot ist, lieber weniger Farbe. Wie wir alle wissen, habe ich diesen Punkt ganz ignoriert und später nach Lust neue Farben hinzugefugt.

 

Meine Skizze übertrug ich mit einem Schneiderkreidestift freihand auf meine Bluse. Genauigkeit ist mir nicht wichtig, nur die größeren Blumen möchte ich schon ungefähr auf den richtigen Platz bringen.

Und das bringt mich zu meinen nächsten Orientierungspunkten. Ich schätze einen Plan, aber ich schätze noch mehr die Freiheit, diesen Plan zu ändern. Aber auch hier – genau um mir Flexibilität zu gönnen – folge ich kleinen Orientierungspunkten:

  • Ich sticke zuerst die größten Elemente. Ausgleich ist mir wichtig, und wenn ich schon kleine Elemente verteilt habe, habe ich vielleicht kein Platz mehr für die großen.
  • Ich bin bereit zu improvisieren. Die großen Blumen wurden eigentlich nur mit zwei Reihen Blütenblättern geplant. Aber ich fand die Blüten am Ende noch zu klein und stickte dann eine dritte Reihe.
  • Ich addiere Farben. Aber nicht beliebig. Als ich mit den kleinen Blumen anfing, hatte ich Lust auf mehr Farbe. Auch wenn es vielleicht weniger modern aussieht, es ist ja meine Bluse. Die Auswahl an extra Farben habe ich aber nicht beliebig getroffen. In Frage kamen nur Farben, die – wie meine schon genutzten Rottöne – auch ein „Weiß“-Anteil haben. Das heißt, es sind alles Farben, für die man etwas Weiß braucht, wenn man sie mit einem Malkasten mischen würde. Und genau dieser Weiß-Anteil schafft, dass sie irgendwie zusammengehören.
  • Der Schluss ist offen. Und das ist das Schwierigste für mich. Zu wissen, wann die Stickerei fertig ist. Das ist keine mathematische Gleichung, es gibt kein Falsch oder Richtig. Und vor allem gibt es kein Ende oder Fertigsein.

 

Ab einem gewissen Punkt habe ich die Bluse oft angezogen, um am Körper zu sehen, wie das Ganze ausschaut. Und auf einmal habe ich mich über das Bild im Spiegel gefreut. Ich hatte keinen Bedarf mehr hier oder da etwas hinzufügen. Und ohne groß nachzudenken, hörte ich auf.

Meine Bluse ist nicht modern. Sie macht mir Freude. Sie bereitete mir Freude bei der Herstellung und bereitet mir jetzt Freude beim Anziehen. Und Modern war sowieso nie ganz meins. Meins ist die Freiheit auch mal was zu tun, weil ich es will, und wenn ich mir ein Blumenstrauß schenke, dann bitte voller Farben!

Ein Video davon habe ich auch gemacht. Falls ihr „sehen“ wollt, wie die Bluse entstanden ist, schaut hier:

 

 


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  1. Isabella

    6 August

    Ich finde deinen Blog wirklich ganz ganz toll. Und Respekt zu deiner Stickerei

    • Liebe Isabella! vielen Dank 🙂 Das freut mich wirklich sehr! Liebe Grüße, Andreia

  2. Augustin Bettina

    6 August

    Danke für deine Mühe uns es zu zeigen und kehren ich bin deiner Meinung ich trage was mir gefällt und passt so soll es ja auch sein bin froh dich gefunden zu haben.

  3. Augustin Bettina

    6 August

    Danke für deine Mühe uns es zu zeigen und lehren ich bin deiner Meinung ich trage was mir gefällt und passt so soll es ja auch sein bin froh dich gefunden zu haben.

  4. Tabea

    7 August

    Stücken habe ich leider nie gelernt, aber sein Ergebnis fasziniert mich. Vielleicht sollte ich mich damit auch mal beschäftigen?

    Der Prozess selbst klingt bei dir einfach entspannend und das ist wundervoll 🙂

    Liebe Grüße

    • Oh ja! Es ist sehr entspannend! Noch ein Stück entspannter ist wie ich die weiße Bluse bestickt habe, wo ich ein Motiv schon komplett definiert habe. Aber so ist auch sehr entspannt. man muss sich nur ab und zu mal fragen wie es weiter gehen soll 😀 Liebe Grüße, Andreia

  5. Raisa R.

    9 August

    „Zeit ist das größte Geschenk, dass ich mir machen kann.“ Das ist so wahr und wie kann man dieses wertvolle Geschenk schöner zur Schau tragen, als mit einer selbstbestickten Bluse! Das Teuerste Luxusgut ist zurecht all das, was sehr viel Zeit gekostet hat!
    Es ist sehr schön geworden!
    Lg Raisa

    • Danke schön liebe Raisa! Ja, Zeit ist wirklich das beste Geschenke, und ich fühle mich, als wäre ich richtig viel Wert, wenn ich diese Bluse anziehe 😀 Allerdings, kämpfe ich noch damit, im Alltag daran zu denken, dass ich Zeit für mich brauche 😉 Liebe Grüße, Andreia

  6. Anja

    12 August

    Liebe Andreia, ich habe deinen brandneuen Blog gerade gefunden, weil ich recherchiert habe wie ich meinen Oberteil Grundschnitt auf mein neues taillenmaß ändere. Durch deine vielen tollen Videos arbeite ich mich Mal peu á peu durch. Bin sehr angetan. LG Anja

    • Liebe Anja,
      freut mich sehr, das zu lesen 😀 Ich wünsche dir weiterhin viel Spaß mit dem Schnittkonstruktion! Liebe Grüße, Andreia

  7. Klumpp Johanna

    15 August

    Boa noite Julia!
    Ich finde Dein Kleid wunderschön!
    Ich bin ganz zufällig auf Deinen Blog gestoßen und ich glaube, ich schaue öfters hier vorbei. Deinen Namen hat mir jemand auf Facebook verraten. Ich werde demnächst nach Portugal fliegen, genauer an die Algarve, und ich wollte wissen, ob es da empfehlenswerte Stoffgeschäfte gibt. Kannst Du mir vielleicht etwas empfehlen? Vielen Dank und tudo bem!
    Johanna

    • Hallo Johanna 🙂 Danke für deinen netten Kommentar! Ich kann dir aber leider keine Stoffgeschäfte in Algarve empfehlen, da ich nicht aus der gegend komme. Ein paar mal war ich schon in Urlaub da, aber eigentlich sind mir keine Stoff Laden aufgefallen 🙁 Vielleicht hast du aber trotzdem Glück und findest etwas 😀 Liebe grüße und schöner Urlaub, Andreia

  8. Jessica Barthel

    21 August

    Liebe Andreia
    Der Blog ist toll, und ich freue mich schon noch weitere Einträge lesen zu dürfen ^-^
    Die Bluse sieht fantastisch aus, und was deine Worte über die Zeit angeht: Ich finde selbstegemachte Sachen sowieso immer am besten, weil dort einfach Zeit & Herzblut reingeflossen sind. Das ist wohl auch der Grund, weshalb ich meinen ersten selbstgemachten Rock so mag. (Den ich übrigens nur durch die Hilfe eines deiner Videos nähen konnte 🙂 Danke dafür!)
    Liebe Grüsse Jessica

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